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Landtag Brandenburg, Potsdam

Von Laura Fass, Peter Noisten, Manuel Schmid und Tobias Weegmann

Im alten Zentrum von Potsdam, am Standort  des  alten  Stadtschlosses,  entsteht  der  neue  Landtag  Brandenburgs  als  PPP-Projekt  mit  einer  Rekonstruktion  der  historischen  Fassade. Das Land Brandenburg ist das letzte  Bundesland, das noch keinen eigenen (neuen)  Landtag besitzt. Die  BAM  konnte  sich  im  Bieterverfahren  gegen die Mitbewerber durchsetzen und erhielt  den Zuschlag für das Projekt nach dem Entwurf des Architekturbüros Prof. Kulka. Das Projekt der BAM PPP und Müller-Altvatter Gebäudemanagement zusammen mit Ihren Partnern wurde uns von Herrn Dipl.-Ing. Frank Gerald  Lange,  der  die  Gesamtprojektleitung innehat, vorgestellt. Standort ist die historische Stadtmitte „Am alten Markt“ in Potsdam auf dem alten Grundriss des Stadtschlosses.

Das  Besondere  an  diesem  Projekt  ist  die Fassade des historischen Stadtschlosses, die annähernd wiederhergestellt werden soll. Hierbei wurden rd. 900 alte Steinfragmente (= Spolien, nach Duden: „aus anderen Bauten wiederverwendete  Bauteile”)  geborgen  und überprüft. Ca. 300 von ihnen werden in die Rekonstruktion einbezogen. 186  Kapitelle  werden  für  die  Fassade
benötigt. Die Herstellung erfolgt mithilfe von Maschinen  und  Bildhauern  und  wird  mit  40 Bildhauern 15 Monate in Anspruch nehmen. Insgesamt  werden  4.500  m³  Naturstein  für die Fassade verbaut.

Historie des Stadtschlosses und Projektablauf:
1744-51         Bau des Schlosses für Friedrich den Großen
1945             Zerstörung im 2. Weltkrieg
1959              Sprengung und Abbruch der Überreste durch das DDR-Regime
2002              Wiedererrichtung des Fortunaportals durch Groß-Spende von Günter Jauch und Spenden von Bürgern
Mai 2005       Machbarkeitsstudie
August 2006  11 Teilnahmeanträge, aus denen 6 Bieter ausgewählt wurden
Nov. 2007      Spende von Hasso Plattner über 20 Mio. €, verknüpft mit der Bedingung, die historische Fassade wiederherzustellen
10.12.2009    Einreichung Bauantrag nach 10 Wochen (für HOAI-LPH 4)
25.03.2010    Feierliche Übergabe Baugenehmigung und Spatenstich
Mitte 2012    Fertigstellung der Fassade
Dez. 2012     Schlüsselübergabe
Anfang 2013 Umzug

Zu Verzögerungen des Bauablaufs kam es bisher, weil die Stadt das Grundstück wegen archäologischer Untersuchungen nicht rechtzeitig bereitstellen konnte.
Die Gründung in diesem, für diese Region typischen, sandigen Boden wird über 62 Bohrpfahlgruppen,  27  m  tief,  für  den  Südflügel (Plenarsaal) auf 2 Achsen mit jeweils einem
Durchmesser  von  1,5  m,  zum  Überbau  der Bodendenkmäler realisiert.
An den Innenhof wurden keine Bedingungen
gestellt; die Seitenflügel konnten so jeweils um 1,58 m verbreitert werden, um Raum für den
Flur zu bekommen.

Der ehemalige Kaisersaal wird zum Plenarsaal und erhält eine Lichtkuppel zur natürlichen Belichtung. Im 4. OG werden Restaurant und Großküche untergebracht, obwohl bautechnisch schwieriger (bzgl. der Abdichtung) umzusetzen. Vor dem Fortunaportal, welches mit 80 cm Unterbau flach gegründet ist, wird eine überschnittene Bohrpfahlwand mit HDI-Sohle  errichtet,  um  das  Kellergeschoss  vor
dem Portal bauen zu können. Dort sind eine Tiefgarage mit 170 Stellplätzen und Technikräume vorgesehen. Ein Sichtfenster in einem Sitzungssaal  zeigt  den  Boden  eines  alten Weinkellers aus dem 17. Jahrhundert. Sonstige Bodendenkmäler werden aufgenommen und umgelagert.

Anstehendes Grundwasser ca. 90 cm unter GOK macht eine aufwändige Wasserhaltung notwendig.  Der  GWS  wird  um  12  m  abgesenkt, was einer zu erwartenden Menge von 8.000 m³ GW pro Tag entspricht, wovon 2.000 m³ in die Havel eingeleitet  werden dürfen. 6.000 m³ müssen also wieder durch Schluckbrunnen dem Grundwasser zugeführt werden. Dies ist notwendig, damit das GW nicht wegen tiefer liegender salzhaltiger Schichten versalzt. Für diese Maßnahme sind 24 Abpumpstellen
sowie Schluckbrunnen in und neben der Baugrube für die Einleitung geplant. Teuerste Komponente der Wasserhaltung sind die Stromkosten; aber auch die Einleitgebühren, die in Potsdam bei 1,24 €/m³ liegen, sind sehr hoch. Für die zu erwartenden 2.000 m³ pro Tag würde dies bei 10 Monaten
Kosten in Höhe von € 744.000 bedeuten. Der  umfangreiche  Grundbau,  verbunden  mit  einer  GW-Absenkung,  macht  eine Beweissicherung der benachbarten, historisch wertvollen Gebäude erforderlich. Umliegende Gebäude werden monatlich, die Nikolaikirche und das Rathaus 14-täglich und die alte Brücke elektronisch, d. h. ständig, überwacht.

Die geforderte historische Fassade hat gravierende Auswirkungen auf die TGA. So dürfen z.  B.  die  Löschwassereinspeisestutzen  nicht offen sichtbar sein, damit das Erscheinungsbild nicht gestört wird. Weiterhin müssen alle Lüftungs- und Kälteanlagen im Keller untergebracht werden. Allein die Planung der Fassade dauerte fünf Monate, insbesondere die Suche nach Firmen und Steinbrüchen nahm viel Zeit in Anspruch. Im inneren Bereich des Gebäudes wird das „Knobelsdorfftreppenhaus“  als  Zugang  vom historischen  Innenhof  zum  Südflügel  (innen modern mit Plenarsaal) rekonstruiert, es bildet den Übergang von der Historie zur Moderne.Für das Gebäude kommt Geothermie zum Einsatz, integriert in die Bohrpfähle mit Lanzen zur Kühlung über das Grundwasser.

Die  jährlichen  Kosten  des  PPP-Projekts liegen im 6-stelligen Bereich (wg. der Finan-
zierung). Die  Gebäudekosten  belaufen  sich  auf  120  Mio.  €,  ca.  25  %  davon  alleine  für  die
Fassade. Die über 20 Mio. € getätigte Spende reicht somit nicht für die gesamte Fassaden-
rekonstruktion aus. Das ursprünglich geplante Gebäude (ohne historische Fassade) wäre für ca. 80 Mio. € zu realisieren gewesen.


Gebäude-Daten:
Nutzfläche ohne TG:      15.100 m²
Baukosten:                  119,7 Mio. €
Betriebsdauer:             30 Jahre


Wir  danken  Herrn  Dipl.-Ing. Frank Gerald Lange  für  die  kompetente  Führung  und  der BAM Deutschland AG für die Einladung zum Abschlussfest auf das Dampfschiff.